Nahrungsmittel-Allergie
Juckreiz,
Quaddeln, Atemnot – wenn das Essen krank macht
Während
ihrer ganzen Kindheit und Jugendzeit hatte die heute 28
Jahre alte Leni S. viele Milchprodukte gegessen und
problemlos vertragen. Im Alter von 20 Jahren bekam Leni
etwa eine Stunde nach dem Trinken von Kakao plötzlich
juckende Quaddeln im Gesicht und am Körper. Eine Woche später
traten beim Sport innerhalb von Minuten starke
Schwellungen im Gesicht und am ganzen Körper auf. Dies
ging mit Juckreiz, Atemnot und Schwindel einher. Es war
eine Notfallbehandlung notwendig. Eine Allergiediagnostik
ergab bei Leni S. eine Allergie auf Milcheiweiß. Eine
milchhaltige Mahlzeit vor dem Sport hatte die heftigen
Beschwerden ausgelöst. Seither meidet sie sehr sorgfältig,
alle Speisen, die Milch, Butter, Sahne, Joghurt, Käse und
andere Milchprodukte enthalten könnten. Dennoch kam es
seither immer einmal wieder zu recht dramatischen
allergischen Reaktionen, wenn ein vermeintlich Milcheiweiß-freies
Nahrungsmittel doch Spuren des Allergieauslösers
enthielt. „Schon ein wenig Butter zum Anbraten, etwas
Milcheiweiß in der Wurst oder verunreinigtes Besteck können
bei mir zu Quaddeln, Juckreiz und Atemnot führen“, sagt
die Allergikerin Leni S.
„Eine
Nahrungsmittel-Allergie sollte von einem allergologisch
ausgebildeten Facharzt behandelt werden. Denn bei den
Betroffenen kann der Rachen anschwellen und die Luft knapp
werden. Durch akute Atemnot oder einen
Kreislaufzusammenbruch besteht dann sogar Lebensgefahr“,
sagt der Göttinger Allergologe Professor Thomas Fuchs vom
Ärzteverband Deutscher Allergologen (ÄDA). Ist es bei
einem Nahrungsmittel-Allergiker bereits zu sehr schweren
allergischen Reaktionen oder einem allergischen Schock (Anaphylaxie)
gekommen, muss der Patient immer Antihistaminika, Kortison
und Adrenalin als Notfallmedikamente dabei haben. Denn
bereits geringe Allergenspuren, wie sie als Verunreinigung
in eine Speise gelangen oder durch einen Kuss übertragen
werden, können einen lebensgefährlichen anaphylaktischen
Schock auslösen.1
„Anaphylaxie gefährdete Patienten müssen im Umgang mit
den Notfallmedikamenten sehr gut geschult werden. Leider
setzen im Ernstfall viele das manchmal lebensrettende
Adrenalin nicht ein“, bedauert Fuchs.
Beratung
bei Auswahl der richtigen Lebensmittel wichtig
Patienten
mit einer Allergie auf Nahrungsmittel sollten nach
Auskunft von Fuchs außerdem eine qualifizierte Ernährungsberatung
erhalten. „Im Rahmen der notwendigen Ernährungsumstellung
reicht es nicht, einfach dass Allergie auslösende
Lebensmittel wegzulassen“, so der Allergologe. „Wenn
bestimmte Nahrungsmittel gemieden werden, besteht immer
die Gefahr einer Unterversorgung mit wichtigen Vitaminen
oder Mineralien“, erläutert Dr. Imke Reese vom
Arbeitskreis Diätetik in der Allergologie e. V. (www.ak-dida.de)
aus München. „So ist bei Menschen mit einer
Milchallergie die Versorgung mit Kalzium gefährdet.“
Wenn Betroffene bestimmte Nahrungsmittel aus dem
Speiseplan streichen müssen, sollten sie die Ernährungsumstellung
mit einer allergologisch versierten Ernährungsfachkraft
besprechen. So beugen Nahrungsmittel-Allergiker der
Unterversorgung mit wichtigen Nahrungsbestandteilen vor.
„Viele Allergologen kooperieren bei der Behandlung ihrer
Patienten sehr erfolgreich mit Ernährungsfachleuten.
Damit kann die Lebensqualität der Allergiker deutlich erhöht
werden“, sagt der Allergologe Professor Fuchs.
Restrisiko
bleibt trotz Deklaration
Ein
Problem für Nahrungsmittel-Allergiker sind industriell
gefertigten Lebensmittel, denen oftmals Nüsse, Sellerie,
Soja, Eier oder Milch zugesetzt werden. Seit 2005 müssen
Hersteller nach EU-Recht die wichtigsten Allergene auf der
Verpackung von Lebensmitteln deklarieren: Glutenhaltiges
Getreide (Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Dinkel und Kamut),
Krebstiere, Eier, Fisch, Erdnüsse, Soja, Milch, diverse
Nussarten (Mandel, Hasel-, Wal-, Cashew-, Peka- und
Paranuss, Pistazie und Macadamianuss), Sellerie, Senf,
Sesamsamen und die Pseudoallergene Schwefeldioxid und
Sulfite. Diese Inhaltsstoffe müssen auch angegeben
werden, wenn sie nur Bestandteil von Gewürz- oder Kräutermischungen
sind. Die Kennzeichnungspflicht ist eine große Hilfe für
Allergiker – bietet aber keine völlige Sicherheit. „Produktionsbedingt
können unbeabsichtigt Spuren von Allergenen enthalten
sein, die ausreichen, um Symptome auszulösen. Für
Allergiker besteht daher immer ein Restrisiko“, warnt
Fuchs. „Unbedingt muss auch daran gedacht werden, dass
sich manchmal die Rezepturen der Lebensmittel ändern.
Selbst bei einem häufig konsumierten Produkt muss also
auf jeder neuen Verpackung die Zutatenliste kontrolliert
werden.“ Bei unverpackter Ware ist bisher keine
Kennzeichnung erforderlich. Etwas Sicherheit kann hier nur
eine vertrauenswürdige Auskunft des Herstellers bieten.2
Pollenallergiker
leiden oft unter Kreuzallergien
Etwa
20 Prozent der erwachsenen Menschen in Industrienationen
glauben, an einer Allergie auf Nahrungsmittel zu leiden.
Bei vielen sind aber nicht-allergische Unverträglichkeitsreaktionen,
beispielsweise eine Lactoseintoleranz oder eine
Glutenunverträglichkeit, Ursache der Beschwerden. Tatsächlich
leiden an einer Nahrungsmittel-Allergie nur ein bis zwei
Prozent der Erwachsenen und vier bis acht Prozent der
Kinder.1 Nüsse, Erdnüsse, Sellerie, Soja,
Milch und Hühnereier führen die „Hitliste“ der
Nahrungsmittel an, die am häufigsten Allergien
verursachen.
Relativ
häufig sind bei Heuschnupfenpatienten Kreuzallergien
zwischen Pollen und Nahrungsmittel: Die Allergene aus Gräser-,
Kräuter- oder Baumpollen gleichen in ihrer Struktur
bestimmten Eiweißstoffen aus Früchten oder Gemüsesorten.
Ist das Immunsystem auf ein Pollenallergen sensibilisiert,
spielt es auch beim Kontakt mit ähnlichen Strukturen aus
anderen Pflanzen verrückt. „Viele
Birkenpollenallergiker vertragen aufgrund einer
immunologischen Kreuzreaktion kein Kernobst und keine Nüsse“,
erläutert der Vorsitzende der
Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und
Umweltmedizin (GPA), Professor Carl Peter Bauer aus Gaißach.
„Diese Patienten spüren nach dem Verzehr von Äpfeln
oder Haselnüssen recht unangenehme Symptome wie
Schwellungen und Juckreiz in Mund und Rachen. Eine
Allergie-Impfung mit Pollenallergenen kann auch
Kreuzallergien bessern. “
Baumpollen-Allergiker
vertragen oft keine Äpfel, Kirschen, Pflaumen, Nüsse,
Kiwi und Erdbeeren. Menschen mit einer Allergie auf Gräser
und Getreide können Probleme beim Verzehr von
Getreideprodukten und Hülsenfrüchten wie Erdnüsse oder
Soja bekommen. Für Kräuterpollen-Allergiker, besonders
bei einer Allergie auf Beifuß, können Sellerie, Mohrrüben
und viele Gewürze gefährlich sein. Es sind aber nicht
nur Pollenallergiker, die aufpassen müssen: Bei einer
Allergie auf Naturgummi-Latex – beispielsweise in
Gummihandschuhen – kann eine Kreuzreaktion zu Bananen,
Kiwi und Avocados bestehen, und Hausstaubmilben-Allergiker
reagieren oftmals allergisch auf Meeresfrüchte wie
Muscheln oder Krebstiere.
Allergologe
und Ernährungsberater bieten fachliche Hilfe
Um
die Allergieauslöser eindeutig festzustellen, ist eine
sorgfältige Diagnostik durch einen Allergologen notwendig
und wichtig. Abzuraten ist von unseriösen Tests auf
spezifisches Immunglobulin G (IgG) zum Nachweis einer
Nahrungsmittel-Allergie. Die Ergebnisse der
kostenpflichtigen Tests auf IgG oder IgG4 sind im
Gegensatz zur Untersuchung von spezifischen IgE-Antikörpern
nicht geeignet, um krankheitsrelevante Allergieauslöser
festzustellen. „Die IgG-Tests führen meistens zu unnötigen
und sehr eingeschränkten Diäten“, warnt die Ernährungsfachberaterin
Imke Reese. Nur die fachärztliche Behandlung beim
Allergologen in Zusammenarbeit mit einer kompetenten Ernährungsberatung
kann helfen, mit der Nahrungsmittel-Allergie zu leben und
Risiken zu vermeiden.
1.
Bischoff SC: Nahrungsmittelunverträglichkeiten.
Gastroenterologie up2date2 2:133-148, 2006.
2.
Reese I, Constien A, Schäfer C: Richtig
einkaufen bei Nahrungsmittel-Allergien. Stuttgart, TRIAS
Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co.
KG, 2007.
Buchtipps
·
Constien A, Reese I, Schäfer C: Praxisbuch
Lebensmittelallergie. Südwest Verlag, München, 2007.
ISBN 978-3-517-08286-8
·
Reese I, Constien A, Schäfer C: Richtig
einkaufen bei Nahrungsmittel-Allergien. TRIAS Verlag in
MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG, Stuttgart,
2007. ISBN 978-3-8304-3351-4